Joy Denalane, eine der Gewinnerinnen in diesem besonderen Musik-Jahr 2020, Astra Kulturhaus, Berlin, 06.11.2011, Konzert

Das Musik-Jahr 2020 im Rückblick

Das Musik-Jahr 2020 begann eigentlich ziemlich erfreulich und ließ auch eine ganze Menge Highlights erwarten. Dass es dann – zumindest was die Live-Musik anbelangt – so abrupt enden würde, war ja in keinster Weise abzusehen.

In Puncto Live-Musik zumindest bieten deshalb die 70 Tage, in denen Konzerte stattfanden, keine allzu große Auswahl.

Bekanntlich fand am 10. März bereits das letzte Konzert des Jahres statt. Danach gab es nur noch Musik aus der Konserve. Okay, es gab im September noch ein paar Open-Air-Veranstaltungen – mit Abstand. Aber das war schon irgendwie merkwürdig. Und Live-Streams habe ich mir nicht angetan. Das ist ja auch eher mit Live-CDs oder Live-DVDs vergleichbar.

Was bleibt hängen aus diesem ziemlich besonderen Musik-Jahr 2020? Welche Musiker oder Bands haben mit ihren Alben oder Konzerten überzeugt, wer hat eher enttäuscht? Welche musikalischen Neuentdeckungen gab es in diesem (hoffentlich) einmaligen Jahr? Um wen gab es den größten Hype?

Die letzte Frage ist am schnellsten beatwortet: Mit weitem Abstand führen da AC/DC mit ihrem neuen Album. In nur wenigen Wochen haben sie es geschafft, sich Platz 1 der meistverkauften Alben des Jahres 2020 zu sichern. Damit dürften sie die absoluten Gewinner im Musik-Jahr 2020 sein.

Meine Nummer Eins ist allerdings Joy Denalane.

Mit „Let Yourself Be Loved“ hat sie ein Soul-Album veröffentlicht, mit dem sie sich mit den ganz Großen des Soul messen kann. Völlig zu Recht wurde es auch auf DEM Soul-Label schlechthin (Motown Records) herausgebracht. Joy Denalane stellt mit ihrem Album unter Beweis, dass sie nicht nur eine der ganz großen Stimmen aus Deutschland ist, sondern eine Sängerin und Songwriterin von Weltformat. Meiner Meinung nach hat sie sich damit mindestens einen GRAMMY verdient.

Bei den internationalen Newcomern sind für mich an erster Stelle das israelische Duo LOLA MARSH, die holländische Sängerin Davina Michelle und der Sänger Keir aus Großbritannien zu nennen.

Das Comeback des Jahres ist für mich das des ehemaligen Rock`nRoll-Sängers DION.

Mit 80 Jahren hat er sich gleich eine ganze Riege an Stars als Duett-Partner ins Studio geholt. Auf „Blues With Friends“ spielt er mit Van Morrison, Paul Simon und Bruce Sringsteen, um nur einige zu nennen. Ein wirklich hervorragendes Album, nicht nur für Blues-Fans. Ein letztes Mal ins Studio ging Dame Shirley Bassey in diesem Jahr. Mit „I Owe It All To You“ verabschiedet sich die Grande Dame, die ihre Karriere in den 50er Jahren startete und mit „Goldfinger“, dem James-Bond-Klassiker schlechthin, für immer im Gedächtnis bleiben wird, von ihren Fans. Ein Comeback feierte in diesem Jahr auch die deutsche „Rock-Röhre“ Julia „Jule“ Neigel. Nach neun Jahren veröffentlichte sie zum ersten Mal wieder ein neues Album. „Ehrensache“ heißt das Album und „Hoffnung“ ist die ziemlich großartige Single-Auskopplung.

Eine wahre Neuentdeckung – vor allem live – war für mich Keir.

Der britische Sänger gab ein kleines großartiges Konzert im Privatclub. Wer das Glück hatte und dabei war, wird mir sicher zustimmen, dass er das Zeug hat, ein ganz Großer zu werden. Bis jetzt gibt es leider nur eine EP mit 4 Songs. Wenn er es schafft, sein Potenzial auch auf ein Album zu bringen, dürfte sein Siegeszug kaum zu stoppen sein. Ein gewisser Lewis Capaldi stand vor ein paar Jahren auch auf der Bühne des Privatclubs, im Februar 2019 war er Support von Bastille in der Verti Music Hall. In diesem Jahr füllte er die Verti Music Hall als Hauptact.

Die Konzert-Highlights waren in diesem kurzen Konzert-Jahr zwei Blues-Konzerte im Heimathafen Neukölln:

Erst die australischen Teskey Brothers und dann kurz vor dem Lock-Down die Marcus King Band. Das Konzert der Teskey Brothers war bereits Monate vorher ausverkauft und wenn sie können oder dürfen, wollen sie am 13. April 2021 im Tepodrom auftreten. Wer auf gute, ehrliche, handgemachte Musik steht, sollte sich das nicht entgehen lassen. Sofern es stattfinden darf. So ganz glaub ich da ja noch nicht dran. Im Sommer letzten Jahres hatte ich Gelegenheit, drei von ihnen für ein Interview zu treffen und anschließend bei einem Showcase im Foyer von Universal Music live zu erleben. Die Jungs sind einfach großartig und super sympathisch. Man muss sie einfach mögen.

Aus dem Bereich „Classical“ oder „New Classics“ gab es auch ein einzigartiges Live-Konzert, gleich mit mehreren Interpreten.

SONY Music präsentierte am 31. Januar im Kesselhaus gleichmehrere Newcomer: aus Deutschland Dirk Maassen, Alexis Ffrench aus Großbritannien und den Italiener Dardust. Waren die beiden Ersten eher meditativ-romantisch, zündete Dardust ein regelrechtes Feuerwerk und seine Lasershow kann sich durchaus mit der von Jean-Michel Jarre messen lassen. Ein wirklich phantastisches Live-Erlebnis!

Meine Alben im Musik-Jahr 2020 sind:

Platz 1: Joy Denalane: „Let yourself be loved“

Joy_Denalane, Gewinnerin im Musik-Jahr 2020, Cover_Album

Platz 2: Carla Bruni: „Quelque Chose“

Carla Bruni, Plat2 Album des Jahres 2020 im Musik-Jahr 2020

Platz 3: Agnes Obel: „Myopia“

Agnes obel myopia cover, Platz 3 Album des Jahres im Musik-Jahr 2020

Platz 4: Ane Brun: „After The Great Storm“

Ane Brun After, Cover

Platz 5: Marcus King: „El Dorado“

ElDorado, Marcus King, Cover

Platz 6 bis 10:

Alin Coen: „Nah“ // Joe Bonamassa: „Royal Tea“ // Larkin Poe: „Selfmade Man“ // DION: „Blues With Friends“ // Lola Marsh: „Someday Tomorrow Maybe“

Auf den weiteren Plätzen folgen:

 KEIR: „Shiver“-EP // Davina Michelle: „My Own World“ // Allman Betts Band: „Bless Your Heart“ // The Georgia Thunderbolts-Debüt-EP // Marianne Rosenberg: „Im Namen der Liebe“ // Alexis Ffrench: „Dreamland“ // Sarah Zucker: „Wo mein Herz ist“ // Julia Neigel: „Ehrensache“ // DARDUST: „Storm And Drugs“ // Shirley Bassey: „I Owe It All To You“

Flop bei den Alben im Musik-Jahr 2020:

Matthias Schweighöfer: „Hobby“

 

© Christian Behring im Dezember 2020