23. Juni 2024
Tilla_Durieux Porträt-Aufnahme, Fotograf Alex Binder, 1925-1927, AdK

Tilla Durieux im Georg-Kolbe-Museum

„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“ – Das ist der Titel der aktuellen Ausstellung (13. Mai – 20. August 2023) im Georg-Kolbe-Museum im Berliner Westend. Erstmals widmet das Museum eine ganze Ausstellung der größten deutschen Schauspielerin des 20. Jahrhunderts.

"Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen", Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023
„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023

Wobei Tilla Durieux nicht nur wegen ihrer Schauspielkunst eine herausragende Rolle einnimmt. Sie war nämlich weit mehr als das.

Als Ottilie Helene Angela Godeffroy 1880 in Wien zur Welt gekommen, stand schon früh für sie fest, dass sie Schauspielerin wird. Gegen den Willen der Mutter nimmt sie Schauspielunterricht und tritt seitdem unter dem Künstlernamen Tilla Durieux (nach dem Geburtsnamen der Großmutter) auf. Nach dem ersten Engagement in Olmütz folgt als zweite Theaterstation Breslau. Hier lernt sie Eugen Spiro kennen, ihren ersten Ehemann. Nur ein Jahr später wird sie von Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin verpflichtet. Ihren großen Durchbruch hat sie dem Umstand zu verdanken, dass der Star Elfriede Eysoldt kurz vor der Premiere von „Salome“ erkrankt. Durieux ist so überzeugend, dass sich fortan die beiden Frauen die großen Rollen an den Berliner Bühnen teilen.

In Berlin trifft sie auch auf Paul Cassirer, den seinerzeit wichtigsten Galeristen der Hauptstadt.

Alle Künstler von Rang und Namen werden durch ihn vertreten. So kommt es, dass Durieux zum begehrten Model wird und von allen großen Künstlern porträtiert wird. Genannt seien hier Max Slevogt, Lovis Corinth, Franz von Stuck, Ernst Barlach, August Gaul, Mary Duras, Emil Orlik, Sasha Stone, Oskar Kokoschka, Olaf Gulbransson, Max Oppenheimer, Frieda Riess. Viele dieser Kunstwerke sind auch in der Ausstellung zu finden.

Nach der Scheidung von Eugen Spiro heiraten Durieux und Cassirer 1910.

1914 fahren beide auch nach Paris, wo sie Auguste Renoir Model sitzt. Das Bild befindet sich in New York und war leider nicht für diese Ausstellung zu bekommen. Während des Krieges meldet sie sich zum Dienst als Krankenschwester im Lazarett, bevor sie 1917 mit ihrem Mann in die Schweiz flüchtet.

Nach dem Krieg setzt Tilla Durieux ihre Karriere ohne Probleme fort.

Gastspiele führen sie nach München, Zürich, Wien und in die USA. Ihre Ehe jedoch zerbricht an den psychischen Problemen ihres Mannes in Folge des Krieges. Sie lernt den Industriellen Ludwig Katzenellenborgen kennen und reicht die Scheidung ein, woraufhin Paul Cassirer Selbstmord begeht. Es war das tragische Ende einer der bekanntesten Amour Fou‘ der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Durieux  steht weiter auf den großen Theaterbühnen, wirkt auch in einigen wenigen Stummfilmen mit und schreibt ihren ersten Roman „Eine Tür fällt ins Schloss“.

1930 heiratet sie zum dritten Mal.

Mit Ludwig Katzenellenbogen muss sie jedoch 1933 nach der Machtergreifung der Nazis über Nacht die Stadt verlassen. Beide fliehen über Prag in die Schweiz und nach Italien. Unterschlupf finden sie schließlich in Zagreb bei einer Tante. Bevor sie in die USA ausreisen können, überfällt Deutschland Jugoslawien. Ihr Mann wird verschleppt und stirbt 1944.

Durieux bleibt bis 1952 in Zagreb, beteiligt sich am Widerstand, schreibt Theaterstücke und ihre erste Biografie.

1952 steht sie erstmals wieder in Berlin auf der Bühne.

1960 erhält sie das Verdienstkreuz 1. Klasse, 1963 das „Filmband in Gold“. Zu ihrem 65. Bühnenjubiläum stiftet sie den „Tilla-Durieux-Schmuck“, der alle 10 Jahre an eine bedeutende deutschsprachige Schauspielerin verliehen werden soll. Aktuelle Trägerin ist die Schauspielerin Gabriela Maria Schmeide („Tina mobil“). Am 21. Februar 1971 stirbt sie 90-jährig an den Folgen einer Operation. Im Todesjahr erschienen noch ihre Erinnerungen unter dem Titel „Meine ersten 90 Jahre“. Sie erhielt ein Berliner Ehrengrab auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße. Neben ihrem 2. Mann Paul Cassirer. Der Grabstein weist übrigens einen falschen Todestag auf, aber da er privat gestiftet wurde, blieb das bisher so.

Die Ausstellung „Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“ umfasst rund 200 Werke und gibt umfassende Einblicke in die Kultur- und Theatergeschichte ihrer Zeit.

Neben den Porträts, Büsten und Skulpturen finden sich zahlreiche Fotografien, Filmausschnitte, Postkarten, szenische Skizzen und Fotografien sowie Drehbücher, Romane und sogar der honduranische Reisepass von ihr in der Ausstellung.

"Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen", Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023
„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023

Die Ausstellung wird von der Kunsthistorikerin und Kritikerin Daniela Gregori kuratiert und entstand in Kooperation mit dem Leopold Museum, Wien und der Akademie der Künste, Berlin.

Die Ausstellung wird begleitet von einer Intervention in Zusammenarbeit mit der Künstlerin und Vermittlerin Alice Escher, die Anregungen und Fragestellungen zu einer aktuellen Sicht auf Tilla Durieux aufgreift. Unter dem Hashtag #durieuxjetzt sind alle Besucher*innen eingeladen, mitzudenken und auf Instagram darauf zu reagieren.

"Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen", Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023
„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023

 

Ein Katalog in deutscher und englischer Sprache zur Ausstellung ist bereits erschienen und für 34,90 Euro in unserem Museumsshop erhältlich.

Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen", Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023
„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023

Rahmen- und Vermittlungsprogramm:

 Kuratorinnenführungen

  1. Mai um 14 Uhr & 15. Juni 2023 um 18 Uhr

 

Filmvorstellung mit Einführung von Daniela Gregori

Es, ein Film von Ulrich Schamoni (1966), Arsenal Kino

  1. Mai 2023, 20 Uhr

 

Vortrag von Elisabeth Heymer

Tilla Durieux im Spiegel der Kunstkritik

  1. Juni 2023, 19:30 Uhr

 

Interaktive Führung

Feministische hacks mit Alice Escher

  1. Juni und 29. Juli 2023, jeweils um 15 Uhr

 

Missy x Kolbe, mit Sonja Eismann und Banafshe Hourmazdi

  1. Juni 2023, im Rahmen des Kultursommerfestivals Berlin 2023

 

Panel

Kunst und Recht. Der Nachlass von Tilla Durieux in Zagreb

  1. Juli 2023

 

Finissage und Lesung mit der Trägerin des Tilla-Durieux-Schmucks 2010–2020 Judith Hofmann

  1. August 2023
„Tilla Durieux – Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, Ausstellung vom 13.05. bis 20.08.2023, Georg-Kolbe-Museum, Presserundgang 12.05.2023

 

© Christian Behring im Mai 2023